Ein Klavieralbum entsteht

Klaviermusik zu schreiben, bedeutet für mich, in einem ersten Schritt Keimzellen zu entwickeln: Motive, kleine rhythmische Patterns, oder Melodien, die geeignet sind, eine bestimmte Stimmung über ein ganzes Stück zu tragen. So entstehen Fragmente, die weiterentwickelt oder wieder verworfen werden, Motive, die in unterschiedlichen Klangflächen und unterschiedlichen Tempi ausprobiert werden. Irgendwann sind dann Strukturen entstanden, bei denen ich das Gefühl habe: Die sind richtig, die müssen so und nicht anders klingen. Kein Ton zu viel, kein Ton zu wenig. Wenn ich nicht aufhören mag, ein Stück wieder und wieder zu spielen, dann ist es fertig. So geht das über Monate. Und dann kommt der Tag, da spielt man alle so entstandenen Stücke hintereinander und plötzlich ist eine Stunde vergangen. Und dann steht man da und denkt: Ja, du hast da 12 schöne Titel, die ein schönes, kleines, entspannendes Klavieralbum ergeben. Das ist ein großes Gefühl…

Was dann kommt, ist harte Arbeit. Eine Klavier-CD aufzunehmen ist eine echte Herausforderung. Du sitzt an einem komplett offenen Flügel (ohne Notenauflage), mit einem Kopfhörer auf den Ohren (wegen dem Klick, der aufnahmetechnisch einfach unerlässlich ist) und hast das Gefühl, dass dir die Saiten regelrecht entgegenspringen. Das Instrument knallt dir jeden einzelnen Ton um die Ohren und du fragst dich, wie du hier mit viel Gefühl die leisen Passagen bewältigen sollst. Der Kopfhörer ist groß und schwer und du beginnst zu schwitzen. Du hörst dich spielen, aber es klingt völlig fremd. Du verkrampfst und beginnst nachzudenken. Wie war das nochmal mit der Variante in der 2. Wiederholung, die du dir gestern noch überlegt hast? Du spielst ja alles auswendig, wegen der fehlenden Notenauflage. Dann hörst du dieses Pedalgeräusch. Je mehr du dich darauf konzentrierst, desto lauter wird es. Du bekommst regelrecht Angst, es herunterzudrücken, es bereitet dir regelrechte Schmerzen. Spätestens dann ist es vorbei. Neustart. Fehler. Neustart. Wieder Fehler. Pause. Jetzt musst du eine Strategie entwickeln. Für jedes Stück eine andere. Irgendwann, wenn du Glück hast, verändert sich deine Stimmung, vielleicht durch ein Schlüsselerlebnis, ein Witz des Tontechnikers, ein Take ist plötzlich richtig gut. Und der Techniker erklärt dir, dass er die Pedalgeräusche komplett entfernen kann (Und wirklich, das kann er…). Und irgendwann entspannst du dich wieder und plötzlich sind alle Stücke aufgenommen. Du gehst nach Hause und denkst: Oh verdammt, diese Passage war schlecht und jene Einleitung war zu langsam und und und. Du schläfst hundsmiserabel – bis zu dem Tag, an dem dich der Tontechniker einlädt, die Aufnahmen anzuhören. Er hat die Nebengeräusche beseitigt und den Klang wunderbar weich abgemischt. Du fährst nach Hause und hörst dir zum ersten Mal die Master-CD an: Das ist ein großes Gefühl…

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